04.11.2018

Unter Deck: Wie eine Studie entsteht

Ziel: „Die gespaltene Mitte“ analysieren

Um die sogenannte Mitte ranken sich viele Mythen: Die Mittelschicht trägt und stabilisiert die Gesellschaft, politisch wie ökonomisch, heißt es oft. Oder auch: Mittelständische Unternehmen bilden das Rückgrat der deutschen Unternehmenslandschaft. Die Mitte sehnt sich nach politischer Veränderung. Die Mitte schrumpft. Nur: Wer ist das eigentlich, „die Mitte“? Gibt es sie in dieser Form überhaupt? Zehn Monate lang haben sich die IW-Wissenschaftlerinnen Judith Niehues und Katrin Orth mit dieser Frage beschäftigt. Das Ergebnis ist eine hochpolitische, wissenschaftliche Nahaufnahme eines gesellschaftlichen Risses. Die Studie ist bis zur Bundeskanzlerin gelangt.

Auch RHI-Präsident Randolf Rodenstock nahm am Werkstattgespräch zur „Mitte“-Studie teil. Foto: Stefan Obermeier (4)

Gibt es „die Mitte“ überhaupt?

Die Idee, sich die Mitte genauer anzuschauen, entwickelte sich bei einem Austausch des IW mit dem Kooperationspartner Roman Herzog Institut, kurz RHI. Das Ziel: neue Fragestellungen zu der vielerforschten Mitte zu finden – und zu hinterfragen, ob es überhaupt „die Mitte“ gibt.

Niehues und Orth tauchten tief in das Datenmeer ein, das das Sozio-oekonomische Panel, kurz SOEP, bereitstellt: Ein Datensatz, der sich aus repräsentativen Haushaltsbefragungen speist. Sie schauten sich anhand dieser Daten an, welche Überzeugungen der Teil der Bevölkerung, der klassischerweise der Mitte zugeordnet wird, vertritt, was ihm wichtig ist, welche Ängste dort vorherrschen.

„Dabei hat sich gezeigt, dass in der Mittelschicht zwei Gruppen gewachsen sind“, sagt Niehues. „Es gibt eine eher zuversichtliche Mehrheit, die zunehmend Wert auf freie Meinungsäußerung legt und eine sehr besorgte Minderheit, der vor allem die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung wichtig ist.“

Interdisziplinäres Werkstattgespräch

Über die subjektiven Unterschiede hinaus entdeckten die Wissenschaftlerinnen keine weiteren Parameter, anhand derer sich beide Gruppen unterschieden: Sie beobachteten weder wesentliche Unterschiede beim Einkommen noch beim Alter oder beim Wohnort.

Zuversichtlich eingestellte Meinungsfreiheit-Befürworter leben demnach genauso in Städten und auf dem Land wie eher besorgte Ruhe-und-Ordnung-Verfechter.

Katrin Orth präsentiert Zwischenergebnisse ihrer Forschung.
Werkstattatmosphäre mit RHI-Geschäftsführerin Neşe Sevsay-Tegethoff

 

 

 

 

 

 

 

Diese Zwischenergebnisse diskutierten die IW-Expertinnen schließlich im Rahmen des ersten RHI-Werkstattgesprächs, gemeinsam mit Soziologen, Physikern, Psychologen und Wirtschaftswissenschaftlern.

Judith Niehues diskutierte beim RHI-Symposium unter anderem mit dem Soziologen Stefan Hradil

Solche interdisziplinären Runden erweitern den eigenen Blickwinkel und führen deshalb nachweislich zu besseren Arbeitsergebnissen. „Wir haben von den Kollegen wichtige Impulse zu unseren Annahmen erhalten“, sagt IW-Ökonomin Orth. „Dadurch konnten wir unsere Daten besser in ein theoretisches Gesamtkonstrukt einbinden und die Ergebnisse deutlicher interpretieren.“

Einladung in den CDU-Bundesvorstand

Auf dem RHI-Fachsymposium im Oktober in München fanden die Teilnehmer dann die druckfrische Studie auf ihren Stühlen. Das zentrale Ergebnis: Die Mittelschicht erlebt aktuell eine tiefe Identitätskrise, die zu politischen Verwerfungen führen kann. Immerhin ist die große Mehrheit zuversichtlich, entgegen vieler Medienberichte. Allerdings gibt es auch ein Drittel, das sich große Sorgen macht, sich fremdbestimmt fühlt und die Ruhe und Ordnung im Land als gefährdet ansieht – ein politisches Warnsignal, das sogar den CDU-Bundesvorstand erreichte.

Niehues und Orth im CDU-Bundesvorstand zwischen der damaligen Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Foto: CDU

Zwei Wochen nach der Veröffentlichung erhielten die Studienautorinnen schließlich einen Anruf: Eine Einladung nach Berlin zur CDU-Bundesvorstandsklausur Anfang November 2018 auf der sie die Studie vorstellen sollten. Am Tisch saßen unter anderem die damalige Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer, Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen und Bundeskanzlerin Angela Merkel – die sich danach mit den Worten „eine hochinteressante Studie“ einließ. Niehues zeigte sich über die große Aufmerksamkeit erfreut: „Nach unserer Präsentation gab es viele Detailfragen, beispielsweise, wie genau wir die Mittelschicht definiert haben, wie sich die Spaltung erklären lässt und was man dagegen tun sollte.“ Weil sich natürlich nicht alle Fragen in einer einzigen Veröffentlichung beantworten lassen, planen die Autorinnen weitere Studien zu dem Thema, das unsere Gesellschaft noch lange bewegen wird.

 

Koordinaten
50°56′44.6″N 6°57′47.6″E (IW),
48°08′24.6″N 11°34′04.8″E
(Münchner Künstlerhaus),
52°30′23.7″N 13°21′04.4″E
(Konrad-Adenauer-Haus, Berlin)

 

Crew
Judith Niehues,
Leiterin Forschungsgruppe
Mikrodaten und Methodenentwicklung

Katrin Orth,
Economist für Institutionen-
und Verhaltensökonomik


Mid|way|in|seln, die
Atoll im Pazifik, ungefähr
auf halbem Weg (mid-way)
zwischen Kalifornien und Japan.
Teil der Außengebiete der
Vereinigten Staaten. Im Zweiten
Weltkrieg US-U-Boot- Stützpunkt
und Schauplatz einer großen
Seeschlacht zwischen den USA
und Japan. Inzwischen ein
Vogelschutzgebiet, das vor
allem für seine hunderttausenden
Albatrosse bekannt ist. Die Vögel
leben dort in einer sozioökonomisch
recht egalitären Gemeinschaft.

Mit|tel|meer, das
Binnenmeer zwischen
Europa, Asien und Afrika.
Sehnsuchtsort mitteleuropäischer
Mittelschichturlauber, die manche
Insel als erweitertes Hoheitsgebiet
betrachten.

mitt|schiffs [Adv.]
Der Begriff ist fast selbsterklärend:
Den Bereich, der genau in der
Mitte zwischen Bug und Heck
eines Schiffes liegt, bezeichnen
Seeleute als mittschiffs. Hier
befinden sich normalerweise
Aufbauten und die Maschinen,
bei U-Booten ist der Kommandoturm
mittschiffs. Seekranken wird oft
geraten, sich vorwiegend mittschiffs
aufzuhalten: Hier soll der Wellengang
nicht so stark spürbar sein wie im
Heck- und Bugbereich. Bei Ruderschiffen
ist das Kommando „Mittschiffs!“ weit
verbreitet. Gemeint ist: Das Ruder
soll genau im 90-Grad-Winkel zum
Ausleger ausgerichtet sein.