08.09.2018

Bildungsreise: AlphaGrund

Ziel: Grundbildung für den Arbeitsplatz fördern

Wenn am 8. September der Weltalphabetisierungstag begangen wird, mag man denken, dass Deutschland sich entspannt zurücklehnen könnte. Doch das Gegenteil ist richtig: 7,5 Millionen Erwachsene hierzulande gelten als funktionale Analphabeten, können also zwar Buchstaben, Wörter und einzelne Sätze lesen und schreiben, haben jedoch Mühe, einen längeren zusammenhängenden Text zu verstehen. Rund 60 Prozent davon sind erwerbstätig und stehen am Arbeitsplatz vor Hürden: Sie verstehen Sicherheitshinweise nicht oder falsch, ihnen fehlen grundlegende IT-Kenntnisse, sie erfüllen Dokumentationspflichten nicht.

Diese Beschäftigten besser zu fördern, ist eines der Ziele, die die Bundesregierung mit der sogenannten AlphaDekade verfolgt. Solche Dekaden zeigen an, dass der Bund einem Thema besondere Bedeutung beimisst – und entsprechend Geld bereitstellt.

„Grundlegende Fähigkeiten vermitteln“

Beim Lebensmittelproduzenten H. Kemper in Nortrup haben Mitarbeiter „Computerwissen – die Basics“ absolviert. Foto: H. Kemper GmbH & Co. KG

Zwischen 2016 und 2026 sind 180 Millionen Euro für Projekte zur Alphabetisierung und Grundbildung vorgesehen. Darunter für AlphaGrund, das seit Oktober 2015 vom IW koordiniert wird. „Wir beschäftigen uns mit arbeitsplatzbezogener Grundbildung für Geringqualifizierte“, erklärt Projektleiterin Sigrid Schöpper-Grabe. „Das ist mehr als das reine Lesen- und Schreibenlernen. Es geht darum, Beschäftigten die grundlegenden Fähigkeiten für ihre beruflichen Aufgaben zu vermitteln.“

Dazu bietet das IW allerdings nicht selbst Kurse an. Es fungiert als Schnittstelle zwischen dem Förderer Bundesbildungsministerium sowie den Bildungswerken der Wirtschaft aus acht Landesarbeitgeberverbänden. Die Bildungswerke erarbeiten Angebote wie „Lesen und Schreiben mit dem PC“ oder „Sicherheitsvorschriften aktiv umsetzen“ und führen diese durch, das IW evaluiert die Angebote und begleitet das Thema Grundbildung für den Arbeitsplatz wissenschaftlich. „Das Erfolgskriterium ist, dass Teilnehmende von Schulungen ihre Aufgaben am Arbeitsplatz anschließend besser bewältigen können“, sagt die Projektleiterin.

Unternehmen sehen steigenden Bedarf

Übergeordnet geht es auch darum, ein Problembewusstsein zu schaffen: „Bei der Grundbildung ist es anders als bei sonstigen betrieblichen Weiterbildungsthemen – sie ist kein Selbstläufer.“

Mitarbeiter des Automobilzulieferers Progress-Werk Oberkirch bereiten sich auf die Teilqualifizierung zur Fachkraft Metalltechnik vor. Ihr AlphaGrund-Angebot: „Lesestrategien für Fachtexte,Tabellen und Grafiken“. Foto: Progress-Werk Oberkirch AG

Eine IW-Unternehmensbefragung 2018 bestätigt diesen Trend: Während 2014 in der Vorgängererhebung von den Firmen, die Geringqualifizierte weiterbilden, nur 29 Prozent speziell deren Grundbildung gefördert hatten, waren es 2018 schon 44 Prozent. Und 60 Prozent der Betriebe erwarteten einen steigenden Bedarf an solchen Angeboten; 2014 war dies nur gut ein Drittel. Gründe dafür sind zunehmend digitalisierte Arbeitsplätze, durch die die Mindestanforderungen an Beschäftigte steigen, aber auch „die Zuwanderung in Helfertätigkeiten, vor allem aus Osteuropa“, sagt Schöpper-Grabe. Und angesichts des Fachkräftemangels hätten Unternehmen Interesse, jeden fachlich guten Mitarbeiter zu halten und zu qualifizieren.

Rund 1.000 Teilnehmer haben bislang AlphaGrund-Programme durchlaufen und sie weit überdurchschnittlich positiv bewertet. Eine gute Zwischenbilanz: „Idealerweise haben solche Gruppen zwischen acht und zwölf Teilnehmende, auch Einzeltrainings sind möglich“, betont die Projektleiterin. Zusammen mit Dozenten, die nicht defizitorientiert, sondern wertschätzend lehren, sei die Gruppengröße ein wichtiger Erfolgsfaktor: „Dann fühlen sich die Geringqualifizierten wahr- und ernstgenommen. Außerdem lernen sie so das Lernen – und das ist die zentrale Voraussetzung für fachliche Weiterbildungen und das Weiterkommen im Beruf.“

 

Koordinaten
50°56′44.6″N 6°57′47.6″E (IW)
alphagrund-projekt.de

 

Crew
Sigrid Schöpper-Grabe,
Senior Researcher für Bildung

Isabel Vahlhaus,
Referentin für Bildung


7,5 Mio. funktionale Analphabeten
in Deutschland

60 Prozent erwerbstätig

etwa 1.000 Teilnehmer an
AlphaGrund-Angeboten

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