Oliver Koppel; Foto: Roth

Patente

Schutzrechte auf technische Erfindungen. In Deutschland durch Anmeldung beim Deutschen Patent- und Markenamt zu erlangen. Vom IW erstmals per Big-Data-Analyse ausgewertet, um Aussagen über die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit von Wirtschaftsräumen treffen zu können.

Worum geht es?
Das Deutsche Patent- und Markenamt (DPMA) verzeichnet zu Patentanmeldungen rund zehn Angaben wie Technologieklasse, Anmeldenummer, Datum sowie beteiligte Erfinder. Detaillierter als nach Bundesländern bricht das Amt diese Daten jedoch geografisch nicht herunter. Informationen zu Geschlecht oder Herkunft der Erfinder? Bislang Fehlanzeige. „Uns hat das nicht gereicht“, sagt Oliver Koppel, Senior Economist im IW-Kompetenzfeld Bildung, Zuwanderung und Innovation: Die IW-Wissenschaftler wollten die Patente als Maß der Innovationsfähigkeit von Unternehmen und Wirtschaftsräumen nutzen, bis hinunter auf Kreisebene und über Bundesländergrenzen hinweg, um Pendelbewegungen zu berücksichtigen. „Wir wissen, wo geforscht wird. Jetzt wollten wir wissen, wo die Innovations-PS auf die Straße kommen, wo die klugen Köpfe wohnen, die die Patente entwickeln, und wo die Unternehmen sitzen, die die Patente verwerten. Einen positiven wirtschaftlichen Effekt hat Forschung ja nur, wenn sie in Produkten und Dienstleistungen und nicht in der Schublade endet. Und dafür sind Patente typischerweise ein Indikator.“

Wie ist das IW vorgegangen?
Mit einer Big-Data-Analyse: Koppel und seinem Kollegen Enno Röben – 2017 studentischer Mitarbeiter, inzwischen Referent im Wissenschaftsbereich – lagen die Daten des DPMA vor, Zeile um Zeile in Excel-Tabellen, rund 100.000 Erfinderinformationen für das Jahr 2015, die jüngsten verfügbaren Zahlen. Sie haben einen Algorithmus geschrieben, dessen Quellcode mehr als 2.000 Programmzeilen füllt. Seine Aufgabe: die Tabellen nach den im Code hinterlegten Parametern auszulesen und die Patente anhand von eigens hierfür konstruierten Datenbanken zu Erfindervornamen und Postleitzahlen zu kategorisieren. Zum Beispiel nach Privat- oder Firmenanmeldung, nach Geschlecht des Erfinders oder nach Postleitzahl und Ort der Anmeldung. Für die erste Publikation auf dieser Datenbasis, den IW-Innovationsatlas vom Sommer 2017, wurden die Ortsangaben übertragen auf Wirtschaftsregionen. Diese hatte die IW Consult definiert als zusammenhängende Innovationsräume wie die Region rund um Stuttgart oder zwischen Braunschweig und Wolfsburg.

Der Programmieraufwand war enorm. Zum Auslesen etwa der Unternehmen haben die Wissenschaftler Abkürzungen wie KGaA oder GmbH in den Algorithmus geschrieben: Stößt er in den Daten darauf, handelt es sich um eine juristische Person, also eine Firmenanmeldung. Komplexer wird es bei der „AG“: Sie ist nur mit Leerzeichen davor ein Hinweis auf ein Unternehmen, ansonsten kann sie Namensbestandteil sein. „Fraunhofer“ wiederum reicht allein nicht als Kriterium für eine Patentanmeldung durch das gleichnamige Institut – „das ist auch ein häufiger Familienname“, sagt Koppel. Und betont: „Bei etwa 40.000 Anmeldungen und 100.000 Erfindern pro Jahr kann der Algorithmus 98 Prozent perfekt verifizierte Daten liefern. Das war bereits sehr gut – es bedeutet aber, dass wir 2.000 Informationen händisch zu kontrollieren hatten, um auf das angestrebte Niveau einer amtlichen Statistik zu kommen. Und das für jede der erfinderbezogenen Angaben.“

Welche Ziele verfolgen die Wissenschaftler?
„Eine regionale Differenzierung erlaubt uns Fingerzeige Richtung Politik“, erklärt Koppel. Man könne eben nicht grundsätzlich sagen, dass Bayern oder Baden-Württemberg besonders innovativ seien, sondern einzelne Räume innerhalb dieser Länder oder über Ländergrenzen hinweg. „Oder schauen wir uns NRW an: Im Durchschnitt ist es okay. Aber es gibt echte Leuchtturmregionen – und es gibt innovationsmäßiges Brachland. Darauf kann die Politik reagieren.“

Zugleich unterstreicht Koppel die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten jenseits des Regionalen: „Eine Datenbank in dieser Form gab es bislang nicht. Derzeit erheben wir, wie viele Garagentüftler es in Deutschland gibt. Auch nach Geschlecht könnten wir differenzieren: Wie ist der Frauenanteil am Innovationsgeschehen? Und schlägt es sich darin nieder, dass in den ostdeutschen Ländern der Frauenanteil an den Ingenieursabsolventen viel höher ist? Wir können auch Pharmapatente auslesen, Automobil-, Umwelttechnik-, Digitalisierungspatente. Alles, was die IW-Mitgliedsverbände interessiert.“ Bis Ende 2018 wollen seine Kollegen und er die Datenqualität, die sie für 2015 haben, auf den Zeitraum 2005 bis 2015 erweitern. Denkbar wäre sogar, die derart aufbereiteten Daten für die amtliche Statistik zur Verfügung zu stellen.

Platz 1
Sieger im Ranking der Patentanmeldungsintensität nach Wirtschaftsräumen. Laut IW-Innovationsatlas 2017 der Wirtschaftsraum Stuttgart. Platz 1 unter den Erfinder-Vornamen übrigens: Thomas.

Po|li|tik
Adressat vor allem der regionalen Patentergebnisse. Ein Landeswirtschaftsministerium hat bereits Interesse an einem regionalen Innovationsatlas angemeldet.

Post|leit|zahl
Häufigste Fehlerquelle beim Auslesen der Daten. Oft nicht vorhanden, manchmal als alte vierstellige Angabe, manchmal sechsstellig, mit Zahlendreher oder als Postfach-Postleitzahl. Muss dann manuell nachgepflegt werden.

Pro|jek|te
Verwertungsmöglichkeit für die IW-Patentdaten. Ein Projekt läuft derzeit mit dem VDA zu Patenten in der Automobilindustrie, ein weiteres zu Erfindern von Digitalisierungspatenten. Vorstellbar sind auch politischere Erhebungen wie der Anteil von Erfindern mit Migrationshintergrund.

Pu|b|li|ka|ti|onen
Weitere Verwertungsmöglichkeit. Themenidee: Die Wirkungskette von Forschungsmitteln und Forschern bis hin zu Patenten nachzeichnen. Auch soll aufgezeigt werden, welchen Beitrag ausländische Erfinder und multinationale Erfinderteams zur Stärkung des Forschungsstandorts Deutschland leisten.