Neid

Empfindung, Haltung, bei der jemand einem anderen dessen Besitz oder Erfolg nicht gönnt und selbst haben möchte. Interessantes Spannungsfeld für Wirtschaftsethiker wie Dominik Enste, Leiter des Kompetenzfelds Verhaltensökonomik und Wirtschaftsethik und Geschäftsführer der IW Akademie.

Neid hat einen schlechten Ruf. Wer ihn empfindet, schämt sich dafür und lächelt ihn weg. „Neid. Die böseste Todsünde“, heißt ein Buch des amerikanischen Essayisten Joseph Epstein. Dabei hat Neid aus Sicht vieler Evolutionspsychologen durchaus seine Berechtigung: Für unsere Urahnen erwies er sich im Konkurrenzkampf um knappe Ressourcen und Fortpflanzungspartner als vorteilhaft. Wir sind genetisch auf Neid programmiert.

Neid kann motivieren, demotivieren und informieren

Auch in modernen Gesellschaften kann das verpönte Gefühl nützlich sein. So fanden Forscher heraus, dass sich die Leistung von Arbeitnehmern verbessert, nachdem Kollegen in vergleichbarer Position befördert wurden. „Neid treibt uns an und fördert den Ehrgeiz. Dadurch entstehen Höchstleistungen und Innovationen“, sagt Dominik Enste, Leiter der IW Akademie. „Allerdings gilt das nur für den konstruktiven Neid.“ Als konstruktiven – oder motivierenden – Neid bezeichnet Enste den Antrieb, mindestens so gut zu sein wie ein anderer oder mindestens so viel zu besitzen, ohne ihm gegenüber negative Gefühle zu hegen.

In den Führungskräfteseminaren der IW Akademie warnt Enste die Teilnehmer jedoch davor, die negativen Effekte, beispielsweise durch Auszeichnungen einzelner Mitarbeiter auf Firmenfeiern oder das Hervorheben von Einzelleistungen in Teamsitzungen, zu unterschätzen. Gerade wenn die Gründe für die Auszeichnung nicht offensichtlich sind, entsteht schnell destruktiver Neid, der für das Gruppengefüge gefährlich werden kann. „Wenn ich einen Kollegen beneide, weil er bevorzugt und gelobt wird, ohne etwas dafür zu leisten, wird mich das eher demotivieren. Ich denke dann: Es ist ganz egal, was ich mache, ich werde ja ohnehin nicht wahrgenommen.“ Um diese Form des Neids zu verhindern, sollten Führungskräfte laut Enste für eine Vertrauenskultur sorgen, klare Ziele formulieren und allen Mitarbeitern Chancen aufzeigen, sich zu entwickeln und zu beweisen.

Neid kann aber nicht nur motivieren oder demotivieren, sondern auch informieren – indem er auf Ungerechtigkeiten hindeutet. Das gilt in kleinen Gruppen ebenso wie auf gesellschaftlicher Ebene. „Auch zwischen Gesellschaftsschichten ist der Vergleich bis zu einem gewissen Maße normal und kann auch durchaus als Ansporn wirken. Aber wenn Neid die vorherrschende Emotion einer breiten Masse ist, dann gibt es Handlungsbedarf“, sagt Enste. Ähnlich wie Führungskräfte klare Entwicklungsperspektiven für die Mitarbeiter schaffen sollten, muss auch die Politik gesellschaftlichem Neid vorbeugen – unter anderem durch eine ausbalancierte Steuer- und Sozialpolitik. Dabei sollte man vor allem die Ränder der Gesellschaft in den Blick nehmen, meint Enste: „Die Steuerschlupflöcher für Reiche zu schließen, ist dabei für das Gerechtigkeitsempfinden ebenso wichtig, wie Bedürftige zu unterstützen.“

Gesellschaft ohne Neid wird es nie geben

Vor allem aber geht es darum, Chancengerechtigkeit herzustellen. „Konstruktiver Neid entsteht, wenn jemand aus den Möglichkeiten mehr gemacht hat als ich. Wenn ihm aber von vornherein Türen offen standen, die für mich verschlossen waren, dann führt das bei mir zu einer destruktiven Haltung.“ Um die Chancengerechtigkeit zu verbessern, muss die Politik daher in Bildung investieren – vor allem in Schulen und frühkindliche Betreuungsangebote. Auf diese Weise können unterschiedliche Voraussetzungen zumindest teilweise ausgeglichen werden.

Eine Gesellschaft ohne Neid wird es allerdings nie geben – außer vielleicht in der Wirtschaftstheorie. „Interessanterweise ist es ausgerechnet das Konzept des Homo oeconomicus, das oft als unsozial kritisiert wird, als völlig frei von Gefühlen wie Gier oder Neid“, erklärt Enste. „Er maximiert immer nur seinen eigenen Nutzen, unabhängig vom Nutzen der anderen.“ Wohl auch deshalb ist der Homo oeconomicus eher ein – wenngleich hilfreiches – theoretisches Konstrukt. Seine praktische Relevanz wurde schon häufig widerlegt, etwa im sogenannten Ultimatumspiel: Dabei wird einem Spieler 1 ein Geldbetrag zur Verfügung gestellt, von dem er einen beliebigen Teil an einen – ihm unbekannten – Spieler 2 abgeben kann. Dieser kann das Angebot entweder annehmen oder ablehnen – im letzteren Fall gehen beide leer aus. Als rational handelnder Homo oeconomicus sollte Spieler 2 jeden positiven Betrag akzeptieren – selbst 1 Cent wäre immerhin noch mehr als gar nichts. Zahlreiche Experimente zeigen jedoch, dass Teilnehmer in der Regel ablehnen, wenn sie weniger als 30 Prozent der Gesamtsumme erhalten. Die meisten Menschen können also besser damit leben, dass niemand etwas bekommt, als dass ein anderer sehr viel mehr erhält als sie selbst.

Erfreulicherweise sind Menschen in Wirklichkeit aber nicht nur neidischer als der Homo oeconomicus, sondern auch sozialer und vertrauenswürdiger: In einer aktuellen Studie zeigen Enste und seine Kolleginnen Mara Grunewald und Louisa Kürten in einem Experiment mit Seminarteilnehmern der IW Akademie, dass Menschen mehrheitlich bereit sind, Geld in einen gemeinsamen Topf zu werfen, wenn davon die gesamte Gruppe durch eine zusätzliche Belohnung profitiert – obwohl es für jeden einzelnen Teilnehmer rational wäre, den eigenen Geldbetrag zu behalten. „Konstruktiver Neid sorgt für Anreize, sich anzustrengen. Noch wichtiger für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung ist aber das Vertrauen in die Rahmenbedingungen und in unsere Mitmenschen. Erst dadurch wird Kooperation und Arbeitsteilung möglich“, sagt Enste.

Nach|wuchs|füh|rungs|kräf|te
(Junge) Personen, die in absehbarer Zukunft eine verantwortungsvolle Position im Betrieb übernehmen. Wichtige Zielgruppe der IW Akademie.

Nash, John F.
US-amerikanischer Mathematiker, Träger des Wirtschaftsnobelpreises. Sein Werk prägte vor allem die Spieltheorie, also die Modellierung von Entscheidungssituationen. Das „Nash- Gleichgewicht“ beschreibt in der Spieltheorie eine Kombination rationaler Strategien, bei der kein Spieler einen Anreiz hat, von der gewählten Strategie abzuweichen.

Nut|zen
Vorteil, Gewinn, Ertrag. In der Wirtschaftswissenschaft gebräuchlich als Maß der Bedürfnisbefriedigung, die Wirtschaftssubjekte zum Beispiel aus dem Konsum von Gütern, Dienstleistungen oder Freizeit erfahren.