Maximilian Stockhausen; Foto: Roth

Gerechtigkeit

Prinzip eines staatlichen oder gesellschaftlichen Verhaltens, wonach dieselben Regeln für alle Individuen gelten und die Herkunft nicht über die Lebenschancen entscheidet. Im IW in vielen Forschungsbereichen von hoher Relevanz – seit Herbst 2017 verstärkt Maxmilian Stockhausen die Forschung zu Verteilungsfragen.

Es ist eines der großen Versprechen der Sozialen Marktwirtschaft: Jeder, der sich bemüht, kann Erfolg haben. Die Gültigkeit dieses Versprechens aber wird heute oft in Zweifel gezogen. „Arm bleibt arm und reich bleibt reich“ meldete die Hans-Böckler-Stiftung im Oktober 2017 in einer Studie. Ähnlich ist es immer wieder in Zeitungen zu lesen: „Arm bleibt hierzulande immer häufiger Arm, und Reich bleibt immer häufiger Reich“, schrieb DIW-Chef Marcel Fratzscher schon im September 2016 in einem Gastkommentar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Im April betitelte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung einen Essay zur Hartz-IV-Debatte mit „Die Armut vererbt sich“. Auch eine ARD-Dokumentation widmet sich dem Thema „Arm bleibt arm – Mythos Chancengleichheit“.

Die These mangelnder Aufstiegschancen sozial Schwächerer passt zur Erzählung der Ungerechtigkeit, die SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz zum Thema des Bundestagswahlkampfs machte. Dabei wird oft auf die Tatsache verwiesen, dass Deutschland laut OECD eine geringe Bildungsmobilität aufweist – in kaum einem anderen Industriestaat hängt der Bildungsgrad der Kinder so stark von dem der Eltern ab. „Bildung ist aber nur ein Indikator eines erfolgreichen Lebens“, sagt Maximilian Stockhausen, der seit September 2017 als Verteilungsexperte am IW arbeitet. „Andere Indikatoren zeichnen ein positiveres Bild der Chancengerechtigkeit in Deutschland.“

„Vollkommene Chancengleichheit wird nirgends erreicht“

So fällt der Zusammenhang zwischen den Einkommen von Eltern und ihren Kindern deutlich geringer aus als bei der Bildung. Laut einer aktuellen Studie des Ökonomen Miles Corak ist das eigene Arbeitseinkommen hierzulande statistisch gesehen zu etwa 30 Prozent durch das Einkommen der Eltern bestimmt, über mehr als zwei Drittel des Verdienstes entscheiden also andere Faktoren. Läge der Prozentsatz bei null, könnten Kinder aus einem Geringverdienerhaushalt unter ansonsten gleichen Bedingungen mit derselben Wahrscheinlichkeit zum Spitzenverdiener aufsteigen wie der Nachwuchs reicher Eltern. Ein 100-prozentiger Zusammenhang würde dagegen bedeuten, dass Kinder in der Einkommensverteilung stets genau den Platz ihrer Eltern einnehmen. Deutschland liegt in dieser Statistik in etwa gleichauf mit klassischen Wohlfahrtsstaaten wie Schweden. Zum Vergleich: In den USA und im Vereinigten Königreich wird beinahe die Hälfte des Einkommens durch das Elternhaus beeinflusst. „Vollkommene Chancengleichheit, also die komplette Unabhängigkeit des eigenen Erfolgs von der Herkunft, wird nirgendwo auf der Welt erreicht“, sagt Stockhausen. „Trotzdem müssen wir natürlich weiter daran arbeiten, die Aufstiegschancen im Land zu verbessern, zum Beispiel durch mehr Investitionen in frühkindliche Bildung.“

Dass Deutschland durchaus gute Aufstiegschancen bietet, macht auch eine viel beachtete Studie deutlich, die Stockhausen im Januar 2018 vorgelegt hat. Demnach erzielen in Westdeutschland 63 Prozent der Söhne ein deutlich höheres Realeinkommen als ihre Väter. Bei Söhnen, deren Väter im unteren Einkommensviertel liegen und damit weniger als 32.600 Euro brutto pro Jahr verdienen, sind es 73 Prozent. Vor allem Menschen aus unteren Einkommensschichten gelingt also der soziale Aufstieg. Beinahe die Hälfte von ihnen übertrifft den väterlichen Lohn sogar um mehr als 50 Prozent. „Es kann keine Rede davon sein, dass Kinder aus einkommensschwachen Familien in Deutschland generell keine Chancen haben“, sagt Stockhausen.

Grundlagen des Wohlstands erhalten

Allerdings hängt diese Einkommensmobilität neben der Chancen- insbesondere von der Generationengerechtigkeit ab. Das zweite große Versprechen der Sozialen Marktwirtschaft – dass es tendenziell bergauf geht, es also jeder Generation etwas besser geht als der vorherigen –, lässt sich künftig nur verwirklichen, wenn die Grundlage für Wohlstand erhalten bleibt und nicht auf Kosten der Zukunft gewirtschaftet wird. Der Politik kommt dabei eine besondere Verantwortung zu, nicht nur in Bezug auf die Sozialsysteme.

„Der Blick konzentriert sich oft allein auf die Rentenfrage. Dabei geht es bei der Generationengerechtigkeit ganz generell darum, welche Startbedingungen wir kommenden Generationen hinterlassen“, sagt Stockhausen. Deutschland ist dabei insgesamt auf einem recht guten Weg, findet der Ökonom: „Altschulden werden maßvoll abgebaut, der Schutz natürlicher Ressourcen wird mitgedacht und auch Investitionen in Zukunftstechnologien sind inzwischen wieder geplant.“ Denn manchmal beginnt Gerechtigkeit eben beim Glasfaserkabel.

Geld
Allgemeines Zahlungsmittel. Die Verteilung von Geld – besonders über Arbeitseinkommen – prägt das Gerechtigkeitsempfinden. Laut einem IW policy paper von Anfang 2018 fühlt sich die Mehrheit der Deutschen gerecht entlohnt.

Ge|ne|ra|ti|on
Gesamtheit der Menschen gleicher Altersstufe, häufig mit ähnlicher sozialer Orientierung und Lebensauffassung (vgl. Generation Golf, Generation Y etc.).

Gleich|heit
Übereinstimmung in bestimmten Merkmalen, in sozialer Hinsicht vor allem in Bezug auf Stellung, Rechte, Pflichten und Chancen.

Gren|zen
Trennungslinien unterschiedlicher Regionen, Bereiche und Erscheinungen. Oft schwer zu ziehen. ⇒ Gruppe.

Grup|pe
Personen, die sich aufgrund bestimmter gemeinsamer Merkmale oder Vorstellungen als zusammengehörig definieren oder von Dritten so definiert werden. In der Ökonomie unterscheidet man insbesondere zwischen Einkommensgruppen, wobei die jeweiligen (Einkommens-) ⇒ Grenzen umstritten sind.