Ende 2016 war Michael Hüther ein Semester lang als Gastprofessor an der Stanford University in Kalifornien. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen im Silicon Valley, alternative Fakten – und Innovationen, die er aus den USA mit ins IW Köln gebracht hat.

Herr Hüther, 2016 haben Sie als Gastprofessor in Stanford gelehrt. Wie kam es dazu?

Es gab eine Anfrage der Gerda Henkel Stiftung, die regelmäßig eine Gastprofessur deutscher Wissenschaftler in Stanford fördert. Darin erkannte ich unter anderem die Chance, die Internationalisierung des Instituts voranzutreiben. Und mich gleichzeitig verstärkt mit dem Thema Digitalisierung zu befassen, das schon bei meinen zwei vorherigen Besuchen im Silicon Valley eine zentrale Rolle gespielt hat. Das Thema ist ja auch alles andere als unwichtig für die deutsche Wirtschaft.

Sie haben eine Vorlesung zur deutschen Wirtschaftsgeschichte gehalten. Warum darüber?

Die Vorlesung bot einen Einblick in die Grundprinzipien und  Funktionsweisen des „Modells Deutschland“. Der Fokus lag dabei auf der Sozialen Marktwirtschaft und deren Wandlungsfähigkeit im Kontext von Globalisierung und Digitalisierung. Gerade in einem durch den angelsächsischen Liberalismus geprägten System ist es wichtig einzuordnen, dass Marktlösungen zwar effizient sind, aber nicht in jedem Fall den historisch geprägten gesellschaftspolitischen Ansprüchen genügen müssen.

Nebenbei haben Sie während des Semesters auch den Kontakt zu den deutschen Medien aufrechterhalten.

Ja, unter anderem durch eine regelmäßige Videokolumne für handelsblatt.com. Auch in anderen Medien habe ich mich verschiedentlich geäußert, insbesondere natürlich zur US-Wahl. Das war im Nachhinein ein Glücksfall, da die deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen nach der Wahl von Donald Trump ein Topthema in den deutschen Medien waren. Nach meiner Rückkehr haben wir dann Ende Januar eine Pressekonferenz zu den Zukunftsaussichten der EU angesichts des Brexits und der Wahl Donald Trumps veranstaltet – mit einer überwältigenden Resonanz, die den enormen Einordnungs- und Orientierungsbedarf zeigte.

 


Sechsmal hat sich der IW-Direktor in der Videokolumne „Hüthers Welt“
auf handelsblatt.com aus Stanford gemeldet. Hier sehen Sie das Fazit seiner Gastprofessur.

 

Konnten Sie Ihren Aufenthalt auch ein bisschen genießen? Oder war es hauptsächlich Arbeit?

Sowohl als auch. Auf der einen Seite war es eine schöne Möglichkeit, für eine begrenzte Zeit in diese ganz eigene Welt des Silicon Valley und der Stanford University einzutauchen. Nach zwölfeinhalb Jahren als IW-Direktor war das eine willkommene inhaltliche Abwechslung wie intellektuelle Bereicherung.

„Die Digitalisierung wollen wir einerseits als Forschungsfeld noch stärker in den Blick nehmen und andererseits intern ambitioniert vorantreiben, also auch das Institut selbst und unsere Prozesse weiter digitalisieren.“

Auf der anderen Seite diente der Aufenthalt der Arbeit des Hauses, wie gesagt vor allem in Bezug auf die Digitalisierung. Die wollen wir einerseits als Forschungsfeld noch stärker in den Blick nehmen und andererseits intern ambitioniert vorantreiben, also auch das Institut selbst und unsere Prozesse weiter digitalisieren. Um tatsächlich mehr als nur Impulse zu bekommen, braucht man schon ein bisschen Zeit, will sagen: muss man schon mindestens ein Semester vor Ort sein.

Was haben Sie außer den Erinnerungsfotos mit nach Deutschland genommen?

Den prägenden Eindruck, welche unglaublichen Möglichkeiten sich an einer solchen Universität bieten: aufgrund des Renommees und der finanziellen Ausstattung, aber genauso entscheidend aufgrund einer Kultur der Offenheit und der Bereitschaft, Neues auszuprobieren. Es ist zum Beispiel dort sehr viel einfacher als in Deutschland, miteinander ins Gespräch zu kommen – ohne dass vorher genau festgelegt wird, worum es in dem Gespräch gehen soll. Das ist angenehm unkompliziert und führt oft zu einem fruchtbaren Austausch. Und das gilt nicht nur für die Kollegen quer durch alle Fakultäten, sondern mindestens genauso für die Unternehmensgründer im Umland.

 

 

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Diesen direkten und hierarchiefreien Austausch haben Sie nach Ihrer Rückkehr ins IW Köln in sogenannten Town Hall Meetings aufgegriffen, zu denen Sie regelmäßig alle Mitarbeiter mit Ausnahme der Managementebenen einladen. Wird sich als Folge Ihres Aufenthalts sonst noch etwas im IW verändern?

Also, wir bieten jetzt Praktikumsplätze für Studenten aus Stanford an, die ersten vier Praktikanten kommen im Juli. Durch die Bank übrigens super Bewerber, und das, obwohl das IW Köln nicht so wahnsinnig bekannt ist in den USA. Dann wird es im Herbst von nun an jährlich eine kleine Gruppe aus unserem Haus geben, die nach Stanford reist. Außerdem konferieren wir inzwischen regelmäßig per Videokonferenz mit den Ökonomen von Google. Dieser Austausch ist ein Anknüpfungspunkt für eine internationalere Ausrichtung des Instituts und soll natürlich – da wiederhole ich mich gern – wiederum vor allem dem Thema Digitalisierung in all seinen Facetten dienen.

Was wird sich denn konkret beim Thema Digitalisierung am IW tun?

Das IW Köln hat den Anspruch, ein modernes Institut zu sein. Das bezieht sich sowohl auf die Arbeitsweisen als auch auf eine der Kernkompetenzen des Instituts: die Datenanalyse. So arbeiten wir zum Beispiel an einem IW-eigenen Daten-Wiki. Darin sollen alle im IW verfügbaren Datenquellen interaktiv aufbereitet werden, um so den Informationsaustausch zu erleichtern. Außerdem beschäftigen wir uns intensiv mit dem Thema Big Data.

Dem digitalen Schlagwort schlechthin …

Tatsächlich liegt in der Nutzung von Massendaten ein riesiges  Potenzial, nicht nur für Unternehmen, sondern auch für die Forschung. In dieser Richtung haben wir bereits einiges unternommen und erste Projekte zu Big-Data-Analysen gestartet.

„Tatsächlich liegt in der Nutzung von Massendaten ein riesiges Potenzial, nicht nur für Unternehmen, sondern auch für die Forschung. In dieser Richtung haben wir bereits einiges unternommen und erste Projekte zu Big-Data-Analysen gestartet.“

Bedeutsam sind ebenso die Konsequenzen für die Wirtschaft durch die rasante Entwicklung im Bereich der Künstlichen Intelligenz und der Robotik. Wenn sich dort etwas Entscheidendes tut, ist es gut, wenn wir uns frühzeitig damit auseinandersetzen. Nur wenn wir diese Entwicklung verstehen, können wir die wirtschaftlichen Folgen abschätzen.

Ihr Aufenthalt fiel wie bereits angesprochen in sehr aufregende Zeiten – Sie haben die heiße Phase des US-Wahlkampfes erlebt und waren vor Ort, als Donald Trump gewählt wurde.

In den Wochen zuvor war es überraschenderweise gar kein so großes Thema auf dem Campus – abgesehen von den TV-Debatten, die ich im International Guest House der Universität verfolgt habe. Das änderte sich am Tag der Wahl: Schon am Morgen machte sich eine etwas mulmige Stimmung bret. Ich war dann auf einer Wahlparty, die gehen an der Westküste ja früh los, wenn die ersten Ergebnisse aus dem Osten eintrudeln. Als die kamen, wurde die Stimmung zunehmend depressiv. Das Ergebnis habe ich dann in meiner Wohnung am Fernseher verfolgt.

Die Atmosphäre an der Universität hat sich durch die Wahl vermutlich verändert.

Bei den meisten Studenten und Mitarbeitern war die Reaktion Ungläubigkeit bis Entsetzen. Am Wahlabend gab es bereits die erste Studentendemo, zum ersten Mal seit 25 Jahren. Obwohl Stanford eine private Universität ist, macht man sich dort Sorgen, was die Forschung und deren Förderung aus Washington angeht – beispielsweise im Bereich der Geisteswissenschaften und der Klimaforschung. Und natürlich gab es sofort die Befürchtung, dass es für ausländische Studenten und Kollegen Probleme geben könnte.

Der US-Wahlkampf hat auch gezeigt, dass es heute offenbar nicht mehr darum geht, was wahr ist, sondern was für wahr gehalten wird – „postfaktisch“ wurde zum Wort des Jahres gewählt. Was bedeutet das für ein Institut, dessen Aufgabe darin besteht, Daten, Zahlen und Fakten zu erarbeiten und in den öffentlichen Diskurs einzubringen?

Es bedeutet, dass wir weiterhin sehr sorgfältig arbeiten müssen – und dabei vollkommen transparent. Wie bisher müssen unsere Studien verlässlich und die Ergebnisse überzeugend sein. Wir stellen ja bereits Daten und Quellen offen im Internet zur Verfügung. Wer aber nicht willens ist, sich mit den Fakten zu beschäftigen, den werden wir ohnehin nicht erreichen.

Der Bundestagswahlkampf ist geprägt von einer Gerechtigkeitsdebatte. Die basiert auch auf einer unterschiedlichen Auslegung von ökonomischen Daten, zum Beispiel im Hinblick auf die Frage, ob die Ungleichheit in den vergangenen Jahren gewachsen ist oder nicht.

Auch wenn Parteien im Wahlkampf dazu neigen mögen, die Realität in ihrem Sinne zu interpretieren: Wir bleiben bei unserer Aussage, dass unser Land insgesamt in einer guten Verfassung ist, sogar in einer besseren als je zuvor. Zu dieser Meinung stehen wir offensiv und lassen uns nicht von denen in die Defensive drängen, die mit falschen Behauptungen oder dem Verallgemeinern von Einzelfällen versuchen, Ängste zu wecken und Wahlkampf zu machen.

Ist da nicht die Verhaltensökonomik besonders gefragt? Beispielsweise, wenn es darum geht, zu erklären, warum sich offenbar immer mehr Menschen abgehängt und ausgegrenzt fühlen, obwohl es ihnen wirtschaftlich besser geht?

Eine betrübliche Erkenntnis der Verhaltensökonomik ist, dass Menschen selten ökonomisch denken. Hier kann ökonomische Bildung helfen, mit der IW JUNIOR arbeiten wir ja daran. Zu Fragen der Wahrnehmung von Ungleichheit haben die Kollegen aus unserem Kompetenzfeld Verhaltensökonomik und Wirtschaftsethik einiges vorgelegt, und auch dem Wahlverhalten haben sie sich gewidmet. Grundsätzlich ist es ein bekanntes Phänomen, dass gerade dann, wenn es immer mehr Menschen gut geht, die wenigen besonders stark wahrgenommen werden, bei denen das bedauerlicherweise nicht der Fall ist. Hinzu kommt, dass sich einige Journalisten sowie Politiker nicht eingestehen wollen, dass eine als neoliberale Agenda verteufelte Reformpolitik zum Erfolg auf dem Arbeitsmarkt geführt hat. Offenbar gilt da, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.