50 Stipendiaten der Stiftung der deutschen Wirtschaft haben an einer Seminarwoche der IW Akademie zur Sozialen Marktwirtschaft teilgenommen. Debattiert wurde unter anderem über Ungleichheit, Abstiegsängste und relative Armut.

Doppelt so viel Wohnfläche wie in den 1960er Jahren. Neun Urlaubstage mehr als in den 1970er Jahren. Dreimal so hohe Stundenlöhne wie in den 1980er Jahren. Fünf Millionen Beschäftigte mehr als in den 1990er Jahren. Eine rasant gestiegene Lebenserwartung. Eigentlich gäbe es eine Menge guter Gründe, sich über Wohlstand und Lebensqualität in Deutschland zu freuen. Doch die Stimmung im Land ist eine andere. „Alles wird besser und keiner merkt es“, lautet dementsprechend auch der Titel des Vortrags, den Dominik Enste, Geschäftsführer der IW Akademie und Professor für Wirtschaftsethik und Verhaltensökonomik an der TH Köln, vor den 50 Stipendiaten der Stiftung der Deutschen Wirtschaft (sdw) hält.

Gruppenfoto kluge Köpfe
Gruppendynamik: IW Akademie-Geschäftsführer Dominik Enste (2. Reihe M.) im Kreis der Stipendiaten sowie Referenten der sdw-Seminarwoche in der Jugendherberge Simmerath. Foto: IW Medien

Anfang März 2017 sind die Studenten und Doktoranden aus ganz Deutschland für eine Woche in einer Jugendherberge in der Eifel zusammengekommen, um mit Referenten der IW Akademie und anderen Experten über die Soziale Marktwirtschaft zu diskutieren – und darüber, welche Erkenntnisse über die Wirtschaftslage in postfaktischen Zeiten noch als gesichert gelten können. Die Akademie, 2012 als jüngste Tochter des IW Köln gegründet, will den Führungskräften von morgen vermitteln, dass sich Wirtschaftswachstum und Ethik in Einklang bringen lassen – und dass das deutsche Wirtschaftsmodell dafür einen guten Rahmen bildet.

Die Fokussierung auf das Negative ist gefährlich

„Eine Erklärung dafür, dass wir trotz des gestiegenen Wohlstands nicht zufriedener sind als vor 25 Jahren, findet sich vermutlich in der Evolution“, sagt Enste.

„Eine Erklärung dafür, dass wir trotz des gestiegenen Wohlstands nicht zufriedener sind als vor 25 Jahren, findet sich vermutlich in der Evolution.“
Dominik Enste

Weil es die Überlebenschancen unserer Vorfahren erhöht habe, sich auf Gefahren, Risiken und schlechte Nachrichten zu konzentrieren, sei dieser Reflex noch immer in uns angelegt. Einige Teilnehmer, unter denen sich auch Medizin- und Biologiestudenten befinden, sind mit dieser Argumentation nicht ganz einverstanden – das Forschungsfeld der Epigenetik stecke noch in den Kinderschuhen. „Ich bin kein Evolutionspsychologe. Mir geht es nicht um die Frage, ob ein Verhalten erlernt oder genetisch angelegt ist“, entgegnet Enste. „Mir geht es um die gesellschaftlichen und ökonomischen Konsequenzen.“ Gerade im Hinblick auf populistische Parteien wie die AfD sei die Fokussierung auf das Negative gefährlich. Die Diskussionsfreudigkeit der Teilnehmer, die ihr Stipendium nicht nur aufgrund überdurchschnittlicher schulischer und universitärer Leistungen, sondern auch aufgrund ihres gesellschaftlichen Engagements und ihrer Kommunikationsfähigkeit erhalten, kennzeichnet die gesamte Seminarwoche – ob bei der Gruppenarbeit zur ordnungspolitischen Bewertung von Wahlprogrammen, bei der Diskussion über Post- und Nullwachstumstheorien oder beim Vortrag zur gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen. Auch die Mittagspausen und freien Abende enden meist in intensiven Gesprächen über die gesellschaftspolitische Lage in Deutschland.

Die Zusammenarbeit zwischen der sdw und der IW Akademie ist bewährt. Ein zweitägiges Nachwuchsführungskräfte-Seminar, das die Akademie regelmäßig anbietet, richtet sich insbesondere an Stipendiaten der Stiftung. Darüber hinaus hat die Akademie ein Führungskräfte-Seminar zur Psychologie und Verhaltensökonomik im Management im ständigen Programm sowie einen Workshop zu Inklusionsstrategien für Mitarbeiter mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen. Seit 2014 können bis zu 25 Studierende pro Jahr den berufsbegleitenden Masterstudiengang „Behavioral Ethics, Economics and Psychology“ an der IW Akademie in Kooperation mit der TH Köln belegen. Alle Formate haben das Ziel, die Verbindung von Wirtschaft und Ethik praxisnah zu vermitteln. „Gerade junge Leute erreicht man in diesem direkten Austausch heute besser als durch einen Gastbeitrag in der Zeitung“, sagt Enste.

Braucht es ein bedingungsloses Grundeinkommen?

Bild Gruppendiskussion
Debattierfreudig zeigten sich die Stipendiaten die ganze Seminarwoche über. Im Bild eine Gruppendiskussion mit Enste …

Das zeigt in der Eifel auch eine intensive Debatte über die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens, die sich Enste und Ina Rüber vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung mit den Stipendiaten liefern. Die Soziologin Rüber plädiert für das Grundeinkommen: „Warum muss ein Arbeitsloser so viele Bedingungen erfüllen, um Geld zu bekommen?“, fragt sie. Schließlich stehe schon in der UN-Menschenrechtscharta, dass jeder Mensch ein Recht auf einen Lebensstandard habe, der Gesundheit und Wohl gewährleistet. Von Bedingungen für dieses Recht stehe dort nichts.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen setzt allerdings eine Bereitschaft zu einer noch stärkeren Umverteilung voraus – und die birgt immer auch Konfliktpotenzial. „Stellen Sie sich vor, Sie leben mit fünf Geschwistern auf einem Bauernhof. Alle arbeiten – nur eines hat keine Lust. Wie lange wären Sie bereit, ihn oder sie bedingungslos zu unterstützen?“, fragt Enste in die Runde. Ein bedingungsloses Grundeinkommen könne die Akzeptanz des Sozialstaates unterminieren.

Bild Gruppendiskussion
… zu Themen wie Klimawandel und dem postfaktischen Zeitalter. Fotos: IW Medien

Doch was ist, wenn es einfach nicht genügend Arbeit gibt? „Im Jahr 2100 werden 40 Prozent der Jobs durch Automatisierung weggefallen sein“, meint ein Student. Um diese Entwicklung aufzufangen, brauche man ein Grundeinkommen. Enste widerspricht der Befürchtung, dass die künstliche Intelligenz bald einen Großteil der Arbeitskräfte überflüssig machen wird: „Das ist ja eine uralte Angst, die mit dem technischen Fortschritt einhergeht. Die haben schon die Kutscher nach der Erfindung des Autos gehabt und die Heizer nach der Erfindung der elektrisch betriebenen Eisenbahn – aber jedes Mal sind an anderen Stellen neue Arbeitsplätze entstanden.“

Die Gespräche über das bedingungslose Grundeinkommen gehen auch nach der Podiumsdiskussion noch intensiv weiter.

„Die Seminarwoche zeigt mir eine Perspektive der Sozialen Marktwirtschaft auf, wie ich sie im Rahmen des Studiums oder im normalen Alltag nicht erhalte.“
Niklas Mey, sdw-Stipendiat

Auch Niklas Mey, der seine Förderung der sdw als Student der Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Braunschweig/Wolfenbüttel erhält, interessiert dieses Thema besonders: „Das Grundeinkommen ist vielleicht eine Antwort auf die Frage, wie wir unsere Gesellschaft in Zukunft ausrichten können, aber bedingungslos – das macht es schwierig“, sagt er. „Das ist das Gute an der Seminarwoche: Sie zeigt mir eine Perspektive der Sozialen Marktwirtschaft auf, wie ich sie im Rahmen des Studiums oder im normalen Alltag nicht erhalte.“ Entsprechend zufrieden ist Dominik Enste: „Vielleicht nehmen die Teilnehmer ja aus dieser Woche mit, dass es um unser Land doch nicht ganz so schlecht bestellt ist, wie manche behaupten.“