Seit 1994 bringt die IW JUNIOR Wirtschaft ins Klassenzimmer. Förderer, Lehrer und Jugendliche sind sich einig: JUNIOR vermittelt Wissen, lässt Talente erkennen und fördert soziale Fähigkeiten. Warum, zeigt ein Schulbesuch in Baden-Württemberg.

Silke Pach ist der Typ Frau, dem ein findiger Fernsehautor in den 1980er Jahren eine Serie auf den Leib geschrieben hätte. Irgendwas zwischen „MacGyver“, dem Typ Alleskönner, der aus einer Büroklammer und einer Einkaufstüte ein Flugzeug bauen konnte, und dem „A-Team“, das gerne mal in Garagen voller Altmetall gesperrt wurde und drei Sendeminuten später mit einem Panzerwagen das Tor durchbrach. Die Titelheldin wäre dann eine Gymnasiallehrerin im beschaulichen Rottweil, die viel dafür tut, dass aus waghalsig scheinenden Ideen schnellstmöglich Realität wird. Die von Termin zu Termin hetzt, 60 bis 70 Stunden die Woche. Die in der Essensschlange und an der Ampel aus dem Auto heraus netzwerkt, hier jemanden grüßt, dort jemanden herzt, eine Sache anstößt, eine zweite organisiert, eine dritte kontrolliert, eine vierte durchdenkt.

Und die einen Gutteil dieser Zeit und Energie in JUNIOR steckt, das Schülerfirmenprogramm, das die gleichnamige IW Köln-Tochter seit 1994 verantwortet. Gefördert wird die gemeinnützige GmbH dazu vom Bundeswirtschaftsministerium sowie von Landesministerien, Arbeitgeberverbänden, Unternehmen, Stiftungen und der Bundesagentur für Arbeit. JUNIOR-Teams gründen ein Unternehmen, entwickeln ein Produkt oder eine Dienstleistung, finden einen Namen, verkaufen Anteilsscheine zur Anschubfinanzierung, kümmern sich um Marketing, Produktion, Buchhaltung und Verkauf. Und verdienen damit echtes Geld. Mehr als 105.000 Schüler haben seit Programmstart mitgemacht und über 8.000 Unternehmen gegründet. Die Ziele dahinter: Jugendliche sollen Einblicke in die Arbeitswelt erhalten, Schlüsselqualifikationen wie Teamfähigkeit entwickeln und ökonomische Zusammenhänge verstehen.

„Es war das einzige Konzept, das mich überzeugt hat – weil es die Schüler an der Praxis packt.“
Silke Pach, Leibniz-Gymnasium, Rottweil

JUNIOR ist in allen Bundesländern präsent, ein Schwerpunkt liegt im Süden. Allein Baden-Württemberg stellt jedes Jahr ein Viertel aller JUNIOR-Firmen – meist zwischen 130 und 140. Deshalb ist der Südwesten ein gutes Reiseziel um zu verstehen, wie und warum JUNIOR funktioniert. Silke Pach ist mit ihren Klassen seit nunmehr zehn Jahren dabei. Sie ist eine Quereinsteigerin, 2006 wechselte sie von Siemens, wo sie in der internen Kommunikation gearbeitet hatte, ans Leibniz-Gymnasium in Rottweil. Pach wollte Wirtschaft unterrichten, begann eine Fortbildung und erfuhr dort zum ersten Mal von JUNIOR. „Es war das einzige Konzept, das mich überzeugt hat – weil es die Schüler an der Praxis packt. Das sind keine Theoriegebilde wie etwa Online-Planspiele. Das ist auch kein Abgreifen von Ideen für irgendwelche Unternehmen, wie es bei manchen Start-up-Wettbewerben praktiziert wird. Sondern JUNIOR richtet den Fokus auf die Kinder und Jugendlichen, und zwar altersgerecht.“

Die Lehrerin sieht in dem Programm die Fragestellungen behandelt, die sie noch aus der Unternehmenswirklichkeit kannte: „Betriebswirtschaft praktisch zu erleben, das ist für die Schüler unheimlich gewinnbringend. Vor allem in der Persönlichkeitsentwicklung. Es geht nicht nur darum, dass sie lernen, welche Abteilungen es gibt und wie eine Bilanz erstellt wird. Sondern dass sie erleben was es heißt, sich außerhalb der Schule mit Leuten in Verbindung zu setzen. Zu Unternehmen zu gehen, sich zu präsentieren, nach Kooperationen zu fragen.“

Im am weitesten verbreiteten JUNIOR-Programm „expert“ verfolgen die Schüler ihre Geschäftsidee ein Jahr lang, sie nehmen am Wettbewerb auf Landesebene teil und können als Sieger auch zum Bundeswettbewerb fahren. Pach ist das 2016 mit gleich zwei Firmen geglückt – ihr Leistungskurs Wirtschaft ist unter den Elftklässlern so beliebt, dass die Plätze darin jährlich ausgelost werden und mit 24 Schülern ausreichend Jungunternehmer für zwei Geschäftsideen vorhanden sind. Für den Sieg hat es damals zwar weder für die „Spielmacher“ gereicht, die ein Brettspiel rund um das neue Wahrzeichen Rottweils, den Aufzugtestturm von Thyssenkrupp, entwickelt haben, noch für „Mattentat“, eine Schülerfirma, die individualisierbare Fußmatten mit zum Beispiel Stadtsilhouetten darauf anbietet. Pachs Engagement aber ist ungebrochen: „Bei JUNIOR erkennt jeder seine Stärken und Schwächen – vor allem die Stärken. Auch die, die vielleicht in Mathe und Physik keine Einser-Kandidaten sind, aber gut auf Leute zugehen können oder kreativ arbeiten können. Da findet jeder sein Fleckchen.“

Ökonomische Bildung und berufliche Orientierung

Die JUNIOR-Vorteile unterstreicht auch der Arbeitgeberverband Südwestmetall, Förderer des Programms in Baden-Württemberg: „Für uns geht es neben der ökonomischen Bildung auch um berufliche Orientierung – und wenn jemand feststellt, dass die Selbstständigkeit nichts für ihn ist, ist das auch eine wichtige Erkenntnis“, sagt Johannes Krumme, Referatsleiter Schul- und Berufsbildungspolitik des Verbandes. Südwestmetall fördert JUNIOR seit dem Jahr 2000 unter dem Dach von SCHULEWIRTSCHAFT. Krumme, der auch Geschäftsführer von SCHULEWIRTSCHAFT Baden-Württemberg ist, erklärt die rasche Ausbreitung von JUNIOR in seinem Bundesland mit den bildungspolitischen Entwicklungen: Im Jahr 2000 hatte die damalige CDU-Landesbildungsministerin Annette Schavan ein Wahlfach Wirtschaft in der gymnasialen Oberstufe angestoßen – und die Arbeitgeberverbände angesprochen, warum es JUNIOR im Land noch nicht gebe, wo man doch in NRW gute Erfahrungen gemacht habe. „Wir hatten uns damals im Themenfeld SCHULEWIRTSCHAFT neu aufgestellt“, erinnert sich Krumme.

„JUNIOR ist ein super Projekt, weil es die Lehrkräfte von allen Dingen entlastet, die bei Schülerfirmen sonst in Sachen Verwaltung zu erledigen sind. Die Lehrer können sich ganz auf ihre Schüler konzentrieren.“
Johannes Krumme, Südwestmetall

„Das Thema ökonomische Bildung war ein zentrales Anliegen für uns, und insofern passte das IW-Angebot sehr gut, weil wir etwas Praktisches für Schulen anbieten wollten. So hat quasi mit dem Start von JUNIOR der Weg zu einem Schulfach Wirtschaft in Baden-Württemberg zunächst in der Oberstufe begonnen.“

Die Inhalte des Programms sind abgestimmt auf die unterschiedlichen Lehrpläne in den verschiedenen Schulformen und können ebenso im Unterricht wie außerhalb als freiwillige AG vermittelt werden. Die IW JUNIOR-Mitarbeiter in Köln sind für die didaktische Fortentwicklung und das Unterrichtsmaterial zuständig, sie präsentieren JUNIOR auf Bildungsmessen oder Tagungen, halten den Kontakt zu Lehrern und Förderern – und betreuen online und am Telefon die Schüler bei Fragen, etwa wenn es um die Klärung von Namensrechten für Firmen und Produkte oder die Buchführung geht. „JUNIOR ist ein super Projekt, weil es die Lehrkräfte von allen Dingen entlastet, die bei Schülerfirmen sonst in Sachen Verwaltung zu erledigen sind“, lobt Krumme. „Die Lehrer können sich ganz auf ihre Schüler konzentrieren.“

Geschäftsidee Palettenmöbel

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Silke Pach hat an einem Tag im März 2017 ihre zwei aktuellen JUNIOR-Gruppen um eine Präsentation ihrer Geschäftsideen gebeten. Zunächst reiht sich die „Couch Factory“ im Klassenraum auf, in einheitlichen Polohemden, in der Geschäftsleitung ein Junge und ein Mädchen. Sie stellen ihre Sofas aus aufgearbeiteten Paletten vor, für innen und außen, wetterfest lackierbar in allen Normfarben und mit wasserabweisenden Kissen darauf, die ihnen Interstuhl näht. Ein lokales Unternehmen, das auf dem Büromöbelmarkt nicht ganz unbekannt ist und dessen Azubis „Couch Factory“ unterstützen. Auch die lokale Stiftung St. Franziskus Heiligenbronn, die Menschen mit Behinderungen beschäftigt, ist in die Produktion eingebunden und soll später einen Teil der Erlöse bekommen. Mehr als 60 Bestellungen haben die Schüler schon eingesammelt, bei einem Preis von 175 Euro je Couch-Modul sehr ordentlich – und eine Heidenarbeit.

„Wir haben von der Stufe über uns gehört, wie gut der Kurs ist und dass man viel lernt“, sagt Celine Kischenko, die Marketingleiterin. „Und dass Frau Pach sich wirklich Mühe gibt. Wir müssen viel Freizeit investieren, aber wir machen das gerne, weil wir wissen, dass wir was für die Zukunft lernen. Ich überlege, später was im Marketing zu machen. Und da ist es natürlich perfekt, wenn ich jetzt Erfahrungen sammle und merke, ob das was für mich ist.“

„ … wir machen das gerne, weil wir wissen, dass wir was für die Zukunft lernen.“
Celine Kischenko, JUNIOR-Schülerin

Vize-Geschäftsführerin Larissa Kaiser beschreibt einen zweiten Lerneffekt: „Seit den wichtigen Präsentationen vor Kooperationspartnern wie Interstuhl ist die Nervosität bei schulischen Auftritten nicht mehr so groß.“ Und Elias Bob aus der Produktion ergänzt: „Man lernt erst durch so eine Firma richtig, wie wichtig es ist, als Team zusammenzuarbeiten. Wenn man so eine große Firma ist, ist man darauf angewiesen, alles abzustimmen.“

„Man lernt erst durch so eine Firma richtig, wie wichtig es ist, als Team zusammenzuarbeiten.“
Elias Bob, JUNIOR-Schüler

Zu Beginn stand eine Marktanalyse, dann die Produktplanung, inzwischen führen die Schüler Checklisten, haben eine klare Arbeitsteilung und genau getaktete Prozesse, die manches Erwachsenen-Unternehmen beschämen könnten. Was sie nicht gut und schnell selbst leisten konnten, haben sie ausgelagert, wie beispielsweise das Nähen der Polster. Was sie selbst leisten können, machen sie mit vollem Einsatz: Später an diesem Tag werden die Jungunternehmer noch gemeinsam Paletten abschleifen, damit die Produktion nicht ins Stocken gerät.

„Man merkt, dass sich jemand Zeit für uns nimmt“

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Den gleichen professionellen Eindruck macht Pachs zweites Unternehmen, „DartTec“. Die Schüler bieten individuell bedruckte Dartscheiben an und machen sich den Hype um den Aufzugturm in Rottweil zunutze: Die Stadt hat für 2017 das „Jahr der Türme“ ausgerufen – und DartTec wird Scheiben mit den Silhouetten der bekanntesten darauf fertigen. „Wir haben von Thyssenkrupp die Erlaubnis, den Umriss ihres Bauwerks zu verwenden. Das macht das Ganze einzigartig“, sagt Marketingleiter Johannes Stein. Ihre Absatzprognose bewegt sich im deutlich dreistelligen Mengenbereich, und wie die Couch Factory will auch DartTec im JUNIOR-Wettbewerb möglichst weit kommen.

„Wir sehen JUNIOR nach wie vor als konkurrenzlos.“
Johannes Krumme, Südwestmetall

Johannes lobt die Zusammenarbeit nicht nur im Team, sondern auch mit der IW JUNIOR: „Unsere Fragen wurden innerhalb eines Tages beantwortet. Und zwar so, dass wirklich auf unser Problem eingegangen wurde – und nicht mit vorgefertigten Satzbausteinen. Da merkt man, dass sich jemand Zeit für uns nimmt.“

Die Fragen dürften zum nächsten Schuljahr nochmal deutlich mehr werden. Dann startet in Baden-Württemberg das Pflichtfach Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung in der Mittelstufe, und die IW JUNIOR-Mitarbeiter rechnen mit einem deutlichen Teilnehmerplus. „Unser Programm würde die Anforderungen des Fachs 1:1 abdecken“, sagt die zuständige Senior-Projektmanagerin Sabine Montua. Was die Finanzierung angeht, gäbe es kaum Grund zur Sorge: „Wir sehen JUNIOR nach wie vor als konkurrenzlos“, sagt Johannes Krumme von Südwestmetall. „Wir wollen keine Schule abweisen. Kämen wir mal auf 200, 300 Schulen, würden wir versuchen, auch das sicherzustellen.“

Warum sich der Einsatz lohnt, erklärt Silke Pach ganz simpel: „Die sind toll, die Kids. Es macht einfach Spaß mit denen.“ Und vielleicht fände sich auch irgendwann jemand, der einen Fernsehbeitrag über die Lehrerin finanziert. Es muss ja nicht gleich eine Serie sein.


IW bewegt SCHULEWIRTSCHAFT und finanzielle Bildung

Teilnehmer eines Netzwerktreffens
Teilnehmer eines Netzwerktreffens von SCHULEWIRTSCHAFT Ostdeutschland. Foto: berlin-event-foto.de/Tanja Marotzke

SCHULEWIRTSCHAFT ist das Netzwerk für partnerschaftliche Zusammenarbeit von Schule und Wirtschaft. Seit mehr als 60 Jahren bringt SCHULEWIRTSCHAFT Schulen und Unternehmen zusammen, damit Jugendlichen der Übergang in die Berufswelt und Unternehmen die Nachwuchssicherung gelingt. Die Bedeutung des Netzwerks zeigt sich in den Ergebnissen der jüngsten Teilnehmerumfrage: Ende 2015 waren mehr als 400 Arbeitskreise in allen 16 Bundesländern aktiv. Bei ihren 5.000 Veranstaltungen haben sie rund 300.000 Teilnehmer begrüßt. Getragen wird die Arbeit von SCHULEWIRTSCHAFT durch breites ehrenamtliches Engagement, unterstützt durch hauptamtliche Geschäftsstellen auf Landes- und Bundesebene. Auf Bundesebene tragen die BDA und die IW JUNIOR das Netzwerk, auf Landesebene Dachverbände und Bildungswerke der Arbeitgeber in Partnerschaft mit Ministerien.

Gewinner SCHULEWIRTSCHAFT-Preis 2016
Die Gewinner des SCHULEWIRTSCHAFT-Preises 2016 im Bundeswirtschaftsministerium. Foto: berlin-event-foto.de/Peter-Paul Weiler

Das Portfolio umfasst Betriebserkundungen und Praktika, Kooperationen und Fortbildungen, Informationsmaterialien für Schulen, Unternehmen und Eltern sowie Planspiele und Wettbewerbe. Besonders wichtig ist dabei Praxisbezug: Sei es im vom BMWi geförderten Projekt „Stärken fördern – Perspektiven aufzeigen – KMU einbinden“, das seit 2016 die Zusammenarbeit zwischen den ostdeutschen Arbeitskreisen und die Integration der Jugendlichen in den regionalen Bildungs- und Arbeitsmarkt stärkt, oder beim Preis „Das hat Potenzial!“, mit dem im vergangenen Jahr zum fünften Mal Unternehmen für ihre herausragende Berufsorientierung ausgezeichnet wurden.

Zu den bewährten Projekten der IW JUNIOR gehört seit 15 Jahren auch das Wirtschaftstraining „Fit für die Wirtschaft“: Dabei erklären Mitarbeiter des Projektpartners TARGOBANK gemeinsam mit einem Fachlehrer Acht- und Neuntklässlern die Grundzüge der Wirtschafts- und Finanzwelt. Fragen zum Geldkreislauf, zum Haushalten mit dem eigenen Budget oder zum ersten Job können die Experten mit Erfahrungen aus ihrem Berufsleben untermauern. 55.000 Jugendliche haben schon teilgenommen. Anfang 2017 ging ein neuer Internetauftritt online, passend zum überarbeiteten Design der Unterrichtsmaterialien.