Der automatisierte Austausch immenser Datenmengen ist die Lebensader der Digitalisierung. Genau das ermöglicht der Stammdatenstandard eCl@ss. Mitverantwortlich für seine Weiterentwicklung und Verbreitung ist die IW Consult.

„Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“, verblödelte Helge Schneider die berühmte literarische Vorlage der amerikanischen Schriftstellerin Gertrude Stein einst. Und konnte damit falscher kaum liegen.

Denn: Mehr Vielfalt als bei Rosen geht kaum. Über 30.000 Sorten weltweit, verschiedenste Farben, Formen, Größen, mit Dornen und ohne. Könnte man eine solche Detailfülle überhaupt exakt beschreiben? Thorsten Kroke von der IW Consult zögert keine Sekunde. „Klar könnte man“, sagt er. „Mit eCl@ss.“

eCl@ss – das ist ein branchenübergreifender internationaler Datenstandard, mit dem sich sowohl Produkte als auch Dienstleistungen unmissverständlich klassifizieren und vor allem beschreiben lassen. Stark vereinfacht erklärt, übersetzt eCl@ss alle wichtigen Details und Eigenschaften eines Produkts in standardisierte Daten. „Am Ende steht für jedes Produkt, von der einzelnen Schraube bis zum komplexen Bauteil, ein eindeutiger Nummernschlüssel mit einer eindeutigen Beschreibung“, erklärt Kroke.

Einfacherer Datenaustausch über Sprach- und Branchengrenzen hinweg

Thorsten Kroke
Thorsten Kroke (l.), Leiter der eCl@ss-Geschäftsstelle der IW Consult, bei einer Teambesprechung. Rechts Referent Christian Eck. Foto: IW Medien

Wozu das gut ist? „Unser Datenstandard erleichtert den Datenaustausch zwischen Kunden und Lieferanten auch über Sprachund Branchengrenzen hinweg“, sagt Kroke. eCl@ss ist quasi der 20-Fuß-Container der digitalisierten Wirtschaft – und treibt den globalen Datentransfer ebenso an, wie es der Container mit dem Welthandel tut: als standardisierte Verpackung, die Transport und Verarbeitung erheblich vereinfacht.

Seit 16 Jahren werden Produkte weltweit mittels eCl@ss eindeutig bezeichnet. Dazu wurde im Jahr 2000 der Verein eCl@ss e.V. ins Leben gerufen. Seit seiner Gründung ist die Hauptgeschäftsstelle des Vereins im Institut der deutschen Wirtschaft Köln angesiedelt.

Christian Hoffmann
Die eCl@ss-Consultants Christian Hoffmann und Stephanie Eichholz sowie Referent André Lindner (v.l.). Foto: IW Medien

Hier wird er von Mitarbeitern der IW Consult betreut, denn in deren Leistungsspektrum fügt eCl@ss sich bestens ein: Die IW-Tochter hat ihr Geschäft darauf ausgerichtet, große Datenmengen zu analysieren und für Kunden wie etwa Unternehmen und Regionen daraus maßgeschneiderte Empfehlungen abzuleiten, wie sie den digitalen Wandel erfolgreich bewältigen können.

Was eCl@ss angeht, darf man schon von einer Erfolgsgeschichte sprechen: „Mittlerweile nutzen rund 3.500 in- und ausländische Unternehmen unseren Datenstandard“, rechnet Alexandra Bouchain von der eCl@ss-Geschäftsstelle vor. Darunter finden sich zahlreiche Global Player wie Audi, BASF, Siemens, Renault oder Lufthansa.

50.000 Produkte, 100 Merkmale, ein Programm

Oder Weidmüller. Ortswechsel: das Stammwerk des Elektrotechnikherstellers im ostwestfälischen Detmold. Auf dem weitläufigen Gelände des Werks arbeiten rund 1.800 der weltweit 4.500 Beschäftigten des Unternehmens. Sie produzieren vor allem elektrische Verbindungstechnik. Die steckt etwa in Schaltschränken von großen industriellen Fertigungsanlagen, Schienenfahrzeugen oder Schiffen. Überall dort, wo Daten, Signale oder Energie übertragen und konditioniert werden, kommen Lösungen von Weidmüller zum Einsatz. Das Unternehmen ist einer der Weltmarktführer auf diesem Gebiet: 50.000 verschiedene Produkte sind im Programm, jedes von ihnen hat mehr als 100 Merkmale.

So kommen immense Datenmengen zusammen. „Wir haben ein gigantisches Spektrum an verschiedenen Komponenten, deren Eigenschaften es exakt zu beschreiben gilt“, bestätigt Bernhard Gorny, Leiter Product Lifecycle Management bei Weidmüller. „Hier dient uns eCl@ss als Standard.“

„Wir haben ein gigantisches Spektrum an verschiedenen Komponenten, deren Eigenschaften es exakt zu beschreiben gilt. Hier dient uns eCl@ss als Standard.“
Bernhard Gorny, Weidmüller

Damit lassen sich die Weidmüller-Produkte bis ins allerkleinste Detail aufschlüsseln. Das fängt bei Basismerkmalen wie Länge, Breite oder Größe an. Und führt bis zu einem kompletten mechanisch-elektrischen Abbild – dem digitalen Produkt: Welche Spannung halten die Komponenten aus, wie können sie geschaltet werden, in welche Richtung kann man sie anschließen, welche Funktion haben sie im Fertigungsprozess? „Alle Informationen, die nötig sind, um ein Bauteil automatisiert verarbeiten oder mittels CAD-Software in ein großes Modell einbauen zu können, werden durch eCl@ss verfügbar gemacht“, erklärt Gorny.

Früher, in der Zeit vor eCl@ss, lief das bei Weidmüller noch anders. „Vor fünf Jahren wurden Produktdaten mit Excel-Listen ausgetauscht“, erinnert sich Matthias Redecker, Informatiker bei Weidmüller. Problem dabei: „Damals hat jeder Hersteller sein eigenes Süppchen gekocht.“

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Die Folge war nicht selten eine Art langwieriges Puzzlespiel, „man musste sich häufig durch ein Wirrwarr verschiedenster Bezeichnungen hindurchwursteln“, sagt Redecker. An automatisierte Datenverarbeitung war so nicht zu denken. „Heute aber müssen unsere Produktdaten maschinenlesbar sein“, sagt Redecker. „Wir nutzen eCl@ss unter anderem, um dem Großhandel elektronische Kataloge unserer Produkte bereitstellen zu können“, sagt Gerald Lobermeier, bei Weidmüller verantwortlich für digitale Produktstrategien. Er bezeichnet den Standard mit Blick auf seine weltweite Verbreitung daher auch gern augenzwinkernd als „Englisch des Engineering, als weltweite Sprache, die alle verbindet, vom Einkäufer bis zum Ingenieur“.

Ständige Weiterentwicklung

Und ganz wie eine Sprache passt sich auch eCl@ss wandelnden Gegebenheiten an. „In Zusammenarbeit mit den Experten der Industrie entwickelt unser Team den Standard ständig weiter, von Jahr zu Jahr, von Release zu Release kommen neue Branchen, neue Sachgebiete und Produktgruppen hinzu“, sagt Geschäftsstellenleiter Kroke.

„Von Jahr zu Jahr, von Release zu Release kommen neue Branchen, neue Sachgebiete und Produktgruppen hinzu.“
Thorsten Kroke

Gut zwei Dutzend Branchen vom Automobilbau bis zum Büromaterial werden bereits abgedeckt, zuletzt sind die Möbelbranche, die Pharmazie und die Sportund Freizeitgeräte neu dazugestoßen. Rund 41.000 Produktklassen und mehr als 17.000 Merkmale garantieren den eCl@ss-Kunden dabei größtmögliche Detailtiefe bei der Beschreibung ihrer Produkte.

Das Zauberwort lautet an dieser Stelle: branchenübergreifend. „Nehmen Sie ein Krankenhaus“, sagt Thorsten Kroke. Eine solche Einrichtung kaufe auf verschiedensten Märkten unterschiedlichste Produkte ein. „Vom Pflaster über den Teebeutel bis zur Beatmungsmaschine.“ Mit einem Datenstandard, der jeweils nur eine einzelne Branche abdecken könne, komme man als Einkäufer nicht sonderlich weit. Kroke: „Sondern man braucht da einen Standard, der alles kann – eCl@ss.“

Dabei geht es um weit mehr als nur schnelle, unkomplizierte Beschaffung erforderlicher Güter. „Wer eCl@ss nutzt, schlägt einen ganzen Schwarm von Fliegen mit einer Klappe“, ist Kroke überzeugt. Beispielsweise ließen sich durch Bündelung von Beschaffungsvolumina Aufträge auf deutlich weniger Lieferanten zentralisieren. Die Folge: neue Einsparpotenziale und Kostenreduktion. Der Einsatz von eCl@ss als Klassifikationsstandard im Controlling ermögliche zudem eine klarere Sicht auf das eigene Beschaffungsportfolio. Die Folge hier: „Bessere Voraussetzung für die operative und strategische Unternehmensplanung“, so Kroke. Und mehr noch: „Weil unser Standard die Dateneingabe per Hand überflüssig macht, wird eine häufige Fehlerquelle effektiv trockengelegt.“

Wegen seiner weiten Verbreitung unter Großkonzernen und Mittelständlern in der ganzen Welt, komme eCl@ss darüber hinaus schon fast in die Position einer selbsterfüllenden Prophezeiung. „Vielfach fordern Unternehmen von ihren Lieferanten bereits ein Stammdatenmanagement in eCl@ss“, berichtet Kroke. Für Anbieter könne es im globalen Wettbewerb also entscheidend sein, ihre Produkte entsprechend zu präsentieren.

„Industrie 4.0 ist eine riesige Chance“

Eine Entwicklung, die sich zukünftig sogar noch deutlich verstärken könnte. Wegen eines Megatrends in der Digitalisierung: Industrie 4.0. Maschinen, Werkzeuge und Bauteile sollen sich in dieser Vision der digitalen Zukunft unserer Wirtschaft punktgenau und über Betriebe hinweg verstehen können, Fertigungsprozesse noch stärker automatisiert ablaufen als schon gegenwärtig. Voraussetzung dafür ist in den Augen der Experten: bestmögliches Datenmanagement.

„Die standardisierte Semantik, also die einheitliche Bedeutung der Daten, ist für das Gelingen von Industrie 4.0 unerlässlich.“
Christian Mosch, VDMA

„Die standardisierte Semantik, also die einheitliche Bedeutung der Daten, ist für das Gelingen von Industrie 4.0 unerlässlich“, betont beispielsweise Christian Mosch vom Forum Industrie 4.0 beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Nur so könnten Produktund Produktionsinformationen von Unternehmen, Anlagen und Prozessen auch weltweit verstanden werden. „Industrie 4.0 ist für unser System eine riesige Chance“, ist IW-Fachmann Kroke optimistisch. „Gebraucht wird eine Datensprache, in der sich Maschinen miteinander unterhalten und sich verstehen können. Und genau das bieten wir an.“

Und wer weiß: Vielleicht werden eines gar nicht mehr so fernen Tages ja auch die weltweit 30.000 Rosensorten nach eCl@ss beschrieben. Dann bräuchte man nur noch jemanden, der das Helge Schneider mitteilt.