„Keine Forschung im Elfenbeinturm“ – Das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung informiert kleine und mittlere Unternehmen über innovative Personalarbeit. Und leistet gleichzeitig einen Beitrag zur Integration von Flüchtlingen.

„Wie sah es denn in den 1980er Jahren in vielen Werkstätten der Handwerksbetriebe aus?“, fragt Rantje Jans, Geschäftsführerin einer Lackiererei in Eutin, und zieht die Augenbrauen kritisch hoch. „Ganz ehrlich: Da flogen doch auch mal die Farbeimer über den Boden, wenn der Chef mit den Leistungen der Lehrlinge nicht zufrieden war. Und heute? – Hat auch der letzte Handwerksmeister der ganz alten Schule begriffen, dass man die jungen Leute so nicht behandeln kann. Weil uns Handwerksbetrieben einfach die Mitarbeiter ausgehen.“

Wer eine Reise durch Werkstätten, Produktionshallen, Büros und Geschäfte in Deutschland unternimmt, kann sich davon überzeugen, dass der Fachkräftemangel die Arbeitswelt verändert: Ein Münchner Start-up stellt eine „Wohlfühlmanagerin“ ein, die hart umworbene IT-Spezialisten mit frischem Obst, Getränken und regelmäßigen Firmenevents umsorgt. Ein Segeltuchmacher aus Kiel rekrutiert syrische Flüchtlinge als Näher, um seinen Aufträgen nachkommen zu können. Zuvor hatte er lange erfolglos nach qualifizierten Mitarbeitern gesucht.

Es sind Geschichten einzelner Unternehmen – und sie gelten doch für viele. Sie zeigen, dass die Geschäftsführer von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) längst gemerkt haben, dass sie etwas tun müssen, um im Wettbewerb um Fachkräfte zu punkten und um gute Mitarbeiter an sich zu binden. Sie sind bereit, im Personalwesen neue Wege zu gehen. „Wir veröffentlichen diese Geschichten auf unserer Internetseite www.kofa.de, um anderen Personalverantwortlichen in KMU zu zeigen: Ihr könnt für die Fachkräftesicherung viel tun. Wir zeigen, was in der Praxis funktioniert“, sagt Dirk Werner, Leiter des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA) am Institut der deutschen Wirtschaft Köln.

Strahlkraft durch empirische Zahlen

Dirk Werner arbeitet seit nunmehr acht Jahren für das KOFA und dessen Vorläuferprojekte am IW Köln. Unterstützung erhält er von einer Forschungsgruppe aus interdisziplinär arbeitenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Medienfachleuten. Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi), Ende 2016 wurde die Förderung um weitere drei Jahre verlängert. Die Mitarbeiter des KOFA wollen Unternehmen bei der Gewinnung, Bindung und Qualifizierung von Mitarbeitern unterstützen. Neben der Darstellung von Einzelmaßnahmen zur Fachkräftesicherung, die gerade für Personalchefs relevant sind, nimmt das KOFA-Team auch das Gesamtbild in den Blick. „Wir erheben empirische Daten zur Fachkräftesituation in Deutschland. Wir vernetzen uns mit Multiplikatoren, halten Vorträge und führen Veranstaltungen durch. Wir verfassen Studien und bereiten unsere Ergebnisse für Unternehmen in konkreten Handlungsempfehlungen auf, die dann über unsere Internetseite abrufbar sind“, erklärt Werner.

DIe Handlungsempfehlungen des KOFA
Die Handlungsempfehlungen des KOFA sind nicht nur bei Veranstaltungen wie den Workshops „Geflüchtete in den Arbeitsmarkt integrieren“ gefragt, die Mitte März 2017 im IW Köln stattgefunden haben. Mitarbeiter des KOFA und des BQ-Portals haben dabei einen Tag lang rund 50 ehrenamtliche Flüchtlingshelfer aus Köln und Umgebung darüber beraten, wie sie Flüchtlinge bestmöglich unterstützen können. Foto: IW Medien

Mehr als 50 dieser konkreten Empfehlungen haben die Wissenschaftler des KOFA in den vergangenen fünf Jahren veröffentlicht. Ihre Zielgruppe sind die Unternehmen. Ihr Zuhause ist ein empirisch geprägtes Forschungsfeld. Mit seinen „Engpassanalysen“ kann das Team des KOFA zur Debatte über Fachkräftesicherung etwas beitragen, was von Entscheidungsträgern in Wirtschaft und Politik, aber genauso in Unternehmen dringend gebraucht und von überregionalen Medien wie der „Welt“ oder der „Zeit“ aufgegriffen wird: tief gehende Untersuchungen, in welchen Berufen, in welchen Branchen und welchen Regionen Fachkräfteengpässe herrschen. Was sich bei manchem Personalchef als ungewisses Gefühl einstellt, wird durch die Arbeit des KOFA belegbare Gewissheit. „Besonders schön ist für uns das

„Für uns war es in dieser speziellen Unternehmensphase aber wichtig, von außen eine Bestätigung und Impulse für unser Handeln zu erhalten.“
Jörg Paulus, FRABA

direkte Feedback nach Vorträgen und Veranstaltungen“, erzählt die stellvertretende Leiterin des KOFA Regina Flake. „Erst jüngst hat sich ein Personaler bei uns bedankt, da er durch unsere Daten eine gute Grundlage hat, um seine Geschäftsführung zu überzeugen, Strategien für das Unternehmen zu entwickeln.“

Impulse für die praktische Personalarbeit

Denn darum geht es dem KOFA: dass die Erkenntnisse, die sich aus der Forschung ergeben, ihren Weg in die Praxis finden. Ein Beispiel hierfür ist die FRABA GmbH in Köln. 2010 hatten Jörg Paulus, einer der heutigen Geschäftsführer, und Dirk Werner erstmals Kontakt. Das KOFA-Vorläuferprojekt „KMU-MINT“ bot ausgewählten Firmen in Zusammenarbeit mit Personalberatern konkrete Hilfen zur Fachkräftesicherung an. Der gesamte Prozess wurde wissenschaftlich begleitet.

KOFA-Leiter Dirk Werner
KOFA-Leiter Dirk Werner (r.) mit FRABA-Geschäftsführer Jörg Paulus. Foto: IW Medien

Für ein Treffen sieben Jahre später muss Dirk Werner nicht mehr den Rhein überqueren, um auf die „schäl Sick“ in einen alten Industriekomplex nach Köln-Deutz zu fahren. Stattdessen trifft er Jörg Paulus in den neuen FRABA-Büroräumen am zentralen Neumarkt. Die Wände strahlen weiß. Die Einrichtung ist bewusst minimalistisch. Feste Arbeitsplätze gibt es nicht, stattdessen eine offene Raumstruktur mit frei wählbaren Stationen. FRABA fertigt Hightech-Produkte für die industrielle Automatisierung. Dem Unternehmen geht es gut – das war vor sieben Jahren nicht anders. „Wir haben uns damals vor allem gefragt, wie wir unser Wachstum stemmen können“, erzählt Paulus im Rückblick. „Wir hatten unglaubliche Schwierigkeiten, gute Entwicklungsingenieure zu finden. Daher auch unsere Idee, ein weiteres Büro in der Nähe der Technischen Universität in Aachen zu gründen.“

Heute gibt es dieses Büro in Aachen. Und einher gehen damit Forschungskooperationen und Netzwerke mit Professoren und Studentengruppen. Ein Großteil der Aachener Mitarbeiter wurde direkt von der RWTH, aber noch häufiger von der dortigen Fachhochschule rekrutiert. Insgesamt ist die Mitarbeiterzahl des Unternehmens in Deutschland von 54 im Jahr 2010 auf rund 90 Anfang 2017 gestiegen – 200 Menschen sind weltweit im Einsatz. „Damit haben sie ihre eigenen Planungen bezüglich des Mitarbeiterwachstums bei weitem übertroffen“, bilanziert KOFA-Leiter Werner.

„Wir veröffentlichen diese Geschichten auf unserer Internetseite www.kofa.de, um anderen Personalverantwortlichen in KMU zu zeigen: Ihr könnt für die Fachkräftesicherung viel tun. Wir zeigen, was in der Praxis funktioniert.“
Dirk Werner

Diese Erfolgsgeschichte ist zwar kein direktes Verdienst des KOFA, sondern Ergebnis kluger Unternehmensentscheidungen. „Für uns war es in dieser speziellen Unternehmensphase aber wichtig, von außen eine Bestätigung und Impulse für unser Handeln zu erhalten“, meint Paulus. Für Werner ist das eine wichtige Rückmeldung. Denn letztlich bleibt es das, was er mit seinem KOFA-Team auch weiter leisten will: Unternehmen Anstöße geben, damit sie ihre strategische Personalarbeit sinnvoll ausrichten können.

Beitrag zur Integration in die Arbeitswelt

„Wir machen keine Forschung im Elfenbeinturm“, betont Regina Flake. „Am deutlichsten wird das an unserer Ausbildung für Willkommenslotsen.“ Die Wissenschaftler des KOFA haben schnell erkannt, dass die Integration der seit 2015 eingereisten Flüchtlinge eine riesige Aufgabe darstellt, für deren Bewältigung Unternehmen unverzichtbar sind. Gerade kleine und mittlere Betriebe nehmen hier eine Schlüsselrolle ein. Neben dem Infor-mationspaket, das KMU seit Anfang 2016 auf der KOFA-Seite rund um die Integration von Flüchtlingen finden, haben die KOFA-Experten deshalb mehr als 150 Willkommenslotsen geschult. Sie helfen KMU bei der Integration von Flüchtlingen, indem sie ihnen zum Beispiel Kontakt- und Fördermöglichkeiten aufzeigen.

Bild Fabien Hüppe
Zum KOFA-Angebot gehört auch die Ausbildung sogenannter Willkommenslotsen – Mitarbeiter z. B. von Kammern, die kleine und mittlere Unternehmen bei der Integration von Flüchtlingen unterstützen. Einer davon ist Fabian Hüppe von der IHK Köln, der anlässlich der Workshops „Geflüchtete in den Arbeitsmarkt integrieren“ am IW Köln referierte. Foto: IW Medien

Einer dieser Willkommenslotsen heißt Fabian Hüppe. Er arbeitet für die IHK Köln, ist vom KOFA-Team ausgebildet und dann vom Kölner Hotel Azimut um Hilfe gebeten worden. „Das Hotel hat seit Jahren Schwierigkeiten, seine Ausbildungsplätze zu besetzen“, berichtet Hüppe über seinen Einsatz. „Die Ausbildungskoordinatorin hat mir von Anfang an signalisiert, dass sie für Bewerbungen von geflüchteten Menschen sehr offen ist.“ Mit Unterstützung von Fabian Hüppe konnte das Hotel eine 37-Jährige aus dem Iran unter Vertrag nehmen. Nach Verfolgung und Flucht sieht Zahra Ravarizadeh nun eine Perspektive in Deutschland – für sich und für ihre beiden Kinder. „Die Willkommenslotsen haben bislang etwa 3.500 Menschen in Praktika, Ausbildung und Beschäftigung vermittelt“, beschreibt Regina Flake die Zwischenbilanz dieses KOFA-Projektes.

Auch sonst kommt das Informations- und Unterstützungsangebot aus dem IW Köln offenbar gut an bei der Zielgruppe. Knapp 18.000 Besucher informierten sich im Februar 2017 auf www.kofa.de, 2016 waren es insgesamt mehr als 250.000 Besucher. Und: 96 Prozent der Seitennutzer bewerten das Informationsangebot als „informativ“ oder „sehr informativ“.